"Don Carlos"-Inszenierung

Ein opulentes Fest für die Sinne

 

Der Bad Hersfelder „Don Carlos“ geht unter die Haut. Mit hervorragender Besetzung präsentieren Regisseur Paul Stern und Dirigent Siegfried Heinrich die Neuinszenierung in der Stiftsruine.

 

BAD HERSFELD ~ Giuseppe Verdi heißt für viele „Aida“, „Nabucco“ oder „Rigoletto“ - doch auch wenn die Oper„Don Carlos“ weniger bekannt ist, gehört sie zu Verdis musikalisch herausragendsten Opern-Kompositionen. Wenn auch die Verdi-typischen „Ohrwürmer“ fast völlig fehlen – eine Ausnahme ist das Thema der Freundschaft zwischen Don Carlos und dem Marquis von Posa, das immer wieder auftaucht – wirkt die Oper trotz der musikalischen Intimität ganz und gar nicht eintönig.

Dunkel und schwermütig beginnt das Orchester. Von tiefer Innigkeit durchdrungen lässt Regisseur Paul Stern Solisten und Chor in der geschichtsträchtigen Bad Hersfelder Stiftsruine agieren, ohne jedoch ins Melodramatische abzugleiten. Er scheut nicht davor zurück, die Beziehungen zwischen den handelnden Personen durch körperliche Nähe deutlich zu machen.

Die ersten Töne der Blechbläser lassen Dunkles ahnen, die mit schwarzen Kutten und Kapuzen bekleideten Mönche die in der Apsis erscheinen, schaffen - trotz der noch herrschenden Helligkeit – eine gespenstische Atmosphäre.

Kaum Bühnenbild

Stern stellt Bilder und arrangiert Tableaus, die bei der Oper in Bad Hersfeld bisher einzigartig sind. Einen hohen Beitrag dazu leisten die fantastischen Kostüme von Rosita Nußbeutel, die aus Solisten, Chor und Statisten ein bewegliches Bühnenbild werden lassen. Stern setzt bei der Ausstattung ganz auf die Wirkung der Stiftsruinenmauern und der steinernen Bögen. Ein großes Kreuz, zwei Stühle und ein Gitter reichen ihm aus.

Überdurchschnittlich

Die Solisten des Abends, allesamt mit überdurchschnittlichen Stimmen, sorgen für stete musikalische Höhepunkte. Daniel Magdal in der Titelrolle überzeugt als ewig leidender Königssohn, der sich gegen den mit sich selbst unzufriedenen Vater Philipp II. von Spanien (Marek Gastecki) auflehnt. Mit klarem Tenor und ständiger Leidensmine verkörpert Daniel Magdal den Don Carlos absolut glaubwürdig. Marek Gastecki, der bereits an der Mailänder Scala auftrat, wirkt stellenweise ein wenig blass neben seinen hervorragenden Kollegen Tomasz Kaluzny (Marquis von Posa) und Großinquisitor Marek Wojchiechowski. Doch kann Gastecki sich in seiner Arie „Sie hat mich nie geliebt“ als starker und doch gefühlvoller König behaupten.

Tomasz Kaluzny verkörpert den Freund Don Carlos’, der am Ende für ihn stirbt, mit großer stimmlicher und darstellerischer Nuancierung und Intensität. Mit sonorem Bass und unumstößlicher Macht agiert dagegen Wojchiechowski, als greiser Großinquisitor.

Den Rollen gerecht

Nicht weniger gut besetzt sind die Frauenrollen mit Rosina Bacher als Elisabeth von Valois und Annette Elster als Prinzessin von Eboli. Beide Sängerinnen werden mit klarem Timbre und ausdrucksstarker Artikulation ihren Rollen gerecht, die eine als die zwischen Philipp und Carlos hin- und hergerissene, heimwehkranke Königin (Arie „Frankreich, du edles Land“), die andere als schmachtende und eifersüchtige Nebenbuhlerin, die am Ende verliert (Arie: „Ach, ein Verhängnis“). Annette Elster besticht außerdem mit außergewöhnlichem schauspielerischem Talent, während Rosina Bacher stets die Würde einer Königin ausstrahlt. Glockenhell und rein singt Rosina Herrera den Pagen Tebaldo, der sich als einziger Jüngling unter den Hofdamen besonders wohl fühlt. In kleineren Rollen erscheinen Piotr Chmiel und Pawel Tomczak als Graf von Lerma und königlicher Herold.

Auch Thomas Kohl als geheimnisvoller Mönch, der Don Carlos der irdischen Gerichtsbarkeit entzieht, kommt gut mit seiner Rolle zurecht, wenn auch durch die große Entfernung zu Dirigent und Orchester – er singt aus der Apsis – etwas in Ausdruck und Verständlichkeit behindert.

Homogener Klangkörper

Sowohl als schwarz gekleideter und prächtig ausgestatteter Hofstaat wie auch als buntes Bauernvolk versteht sich der Hersfelder Festspielchor als homogener Klangkörper (Chor:„Der Tag des Triumphes“). Als mobiles Bühnenbild ist jede Bewegung einstudiert, jede Geste programmiert und wirkt dennoch natürlich. Vor allem in der Schluss-Szene des zweiten Aktes („Autodafé“) kommen die Gegensätze mit dem Hofstaat auf der linken und dem Volk auf der rechten Seite allein durch Haltung und Ausdruck voll zur Geltung.

Die Verbrennung der Ketzer und Hexen mit einem Feuerkranz unter dem großen Holzkreuz weckt auch in manchem Zuschauer Betroffenheit. Verdis düster-dramatische Musik und Sterns einfallsreiche und doch konventionelle Regie schaffen hier eine Atmosphäre des Grauens. Bedrückt weicht der schaulustige Chor zurück, als könne er selbst nicht glauben, dass er gefallen an den grausamen Hinrichtungen findet. Paul Stern macht vor allem diese Szene zu einem wahren Feuerwerk der Gegensätze.

Verdis gesamte Musik ist erfüllt von Leid und Trauer, in adäquaten Tempi von Siegfried Heinrich dirigiert und vom Dvorák-Sinfonieorchester aus Prag umgesetzt. Vor allem die tiefen Streicher und die Holzbläser vermögen die durchweg düstere Stimmung aufrecht zu erhalten. Recht forsch dagegen zeigen die Blechbläser – obwohl von Heinrich in der Dynamik bereits zurückgenommen – dass sie lauter spielen können als alle anderen. Etwas weniger Kraft und mehr Gefühl scheinen hier nicht fehl am Platze.

Sprühende Erzählung

Insgesamt ist der Bad Hersfelder „Don Carlos“ ein Fest für die Sinne. Neben Augen und Ohren wird das Herz von den anrührenden Arien, den bedeutungsschweren Duetten und den großen Chor- und Ensembleszenen gleichermaßen verwöhnt. Dieser „Don Carlos“ ist kein langweiliges Geschichtsdrama, sondern eine sprühende Erzählung, in der Liebe, die Macht der Kirche und die intim-dramatische Musik die Hauptrollen spielen und dem Opernbesucher so manchen Schauer über den Rücken jagen.

Nähere Informationen zu allen Festspiel- und Saison-Konzerten und den Opern 2001 und 2002 gibt es beim Arbeitskreis für Musik, Nachtigallenstraße 7, in 36251 Bad Hersfeld und im Internet unter www.hersfelder-festspielchor.de und www.oper-bad-hersfeld.de .


Von Christopher D. Göbel