"Sprühdosen sind symbolische Waffen"

Axel Thiel, Diplom-Sozialpädagoge und -Supervisor, befasst sich seit über 30 Jahren mit der „Kunst an den Wänden".
BAD HERSFELD - 1945 geboren und in der DDR aufgewachsen kam Axel Thiel als Zehnjähriger in die Bundesrepublik. Zuerst hatte er keine Lust auf Schule und jobbte, machte große Reisen undfuhr mit dem Motorrad durch die Welt.
     Mit 20 besuchte er die Abendschule und entschloss sich, ein Studium in Kassel zu beginnen. „Auf der Uni, als ich auf dem Klo saß, kam mir die Idee, mich eingehender mit den Wandmalereien und -schmierereien zu beschäftigen“, sagt der Graffiti-Forscher.
     Und dieses Thema hat den 55-Jährigen bis heute nicht losgelassen. Insgesamt 20.000 Graffitis kennt er weltweit. Für Thiel sind alle Graffitis politische Akte, die die Jugendlichen zur Provokation einsetzen. „Die Sprüdose ist eine symbolische Waffe der Jugend. Natürlich ist beim verbotenen Sprayen auch ein bisschen Nervenkitzel dabei, sozusagen als Mutprobe“, sagt Thiel.
     Für den Diplom-Sozialpädagogen git es keine zerstörerischen Taten, die unerklärbar sind: „Graffitis an Wänden, Eisenbahnwagen oder Brücken haben eine Funktion, man muss nur versuchen, sie zu verstehen.“95 Prozent männlichThiel hat herausgefunden, dass die Sprayer durchschnittlich zwischen 14 und 19 Jahren alt und zu 95 Prozent männlich sind. „Der älteste Sprayer, den ich kennengelernt habe, war 56 Jahre alt – aber der war ein Spinner“, erzählt Thiel mit einem Schmunzeln.
     Es gibt bereits weltweit mehrere Sprayer-Verbände, die sich gegenseitg unterstützen. „Sprayer reisen viel herum und machen so ihre Werke bekannt“, sagt Thiel.„Die Sprayer-Branche boomt, sogar in der Werbung werden Graffitis eingesetzt und bezahlte Sprayer sollen unter anderem Wohn- und Geschäftsräume dekorieren“, erklärt der Graffiti-Forscher.
     In der Situation eines Geschäftsinhabers, der gerade seine Hausfront renoviert hat und am nächsten Morgen ein „Tag“ (Signatur) eines Sprayers vorfindet, würde sich Thiel zuerst sehr aufregen. Doch nach einigem Nachdenken würde er einen Eimer Farbe nehmen und das Ganze übermalen. „Man muss versuchen, die Sprayer zu verstehen“, ist seine feste Überzeugung.
     Innerhalb der Sprayer gibt es Gruppen, in denen jüngere Sprayer von den älteren „angelernt“ werden. Denn das Sprayen sei eine Kunst, die man in vielen Arbeitsstunden erlernen müsse, meint Thiel.„Die Jugend ist die Zukunft der Menschheit. Denen fühle ich mich verpflichtet“, erläutert Axel Thiel seine Einstellung den gesprühten Wandmalereien und deren Erschaffern gegenüber.

 

Text: Christopher Göbel

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